Unabhängiges Forschungsinstitut bestätigt: Der neue Tarif weist Mängel auf

Das renommierte Forschungsinstitut Polynomics hat ein gesundheitsökonomisches Gutachten zur eingereichten Tarifstruktur erstellt. Die unabhängige Studie zeigt, dass die Tarifstruktur mehrere Mängel aufweist und Bedarf besteht, diese zu klären.

Gutachten Polynomics

Zum Gutachten auf polynomics.ch

Im April 2026 haben die Tarifpartner beim Bundesrat eine neue Tarifstruktur für die ambulante Physiotherapie eingereicht. Ab dem 1. Januar 2027 soll sie die bisherigen Pauschalen für die allgemeine und die aufwändige Physiotherapie ablösen und durch einen Zeittarif ersetzen: Statt einer Pauschale pro Behandlung wird künftig die effektiv erbrachte Behandlungszeit in Fünf-Minuten-Einheiten vergütet.

Für Tausende Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten in der Schweiz ist das keine Detailfrage, sondern eine Weichenstellung für den Praxisalltag und die wirtschaftliche Existenz. Weil die Datengrundlage und die ökonomischen Folgen dieses Systemwechsels bislang nicht unabhängig geprüft wurden, hat PROphysio das renommierte Forschungsinstitut Polynomics beauftragt, genau das nachzuholen: eine gesundheitsökonomische Prüfung der wissenschaftlichen und ökonomischen Grundlagen der neuen Tarifstruktur.

Das Gutachten von Dr. Harry Telser (Polynomics AG, 10. September 2026) liegt nun vor. Es liefert keinen Beweis für einen groben Fehler – aber es zeigt mehrere unabhängig bestätigte, methodisch fundierte Kritikpunkte auf, die vor einer Einführung 2027 geklärt werden müssten.

Worum es im Gutachten geht

Die neue Tarifstruktur stützt sich massgeblich auf die sogenannte LeDa-Studie von Ecoplan und der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Darin wurde erhoben, wie viel Zeit Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten für einzelne Tätigkeiten aufwenden. Diese Zeitwerte fliessen an drei entscheidenden Stellen in den neuen Tarif ein:

  • in die Berechnung der Produktivität und damit der Kosten pro abrechenbarer Minute,
  • in die Festlegung von Limitationen (wie oft eine Position pro Sitzung abgerechnet werden darf),
  • und – besonders wichtig – in die Transcodierung: die bisherigen Pauschalen mussten rechnerisch in Zeiteinheiten des neuen Tarifs „übersetzt“ werden, und dafür wurden die LeDa-Durchschnittszeiten verwendet.

Anschliessend wurde die gesamte Taxpunktmenge so normiert, dass sie unter dem neuen wie unter dem alten Tarif gleich hoch ausfällt. Das bedeutet: Jede Verzerrung in den LeDa-Zeitdauern wirkt sich direkt auf die Höhe der Taxpunkte aus, die am Ende pro Zeiteinheit vergütet werden.

Polynomics hat genau diese Kette – von der Studie über die Berechnung bis zur fertigen Tarifstruktur – unter die Lupe genommen. Drei Befunde stechen heraus.

1. Ein eingebauter Fehlanreiz

Unter dem bisherigen Pauschaltarif lohnte sich eine kurze, effiziente Behandlung: Wer schneller fertig war, konnte mehr Patientinnen und Patienten behandeln und entsprechend mehr Pauschalen abrechnen. Der neue Zeittarif dreht diesen Anreiz um. Jede zusätzliche abrechenbare Minute erhöht die Vergütung direkt – solange die tariflichen Limitationen nicht erreicht sind. Das Gutachten hält fest, dass der finanzielle Vorteil kurzer Behandlungen damit wegfällt und längere Behandlungen wirtschaftlich attraktiver werden als bisher. Dieser Mechanismus lässt sich, so Polynomics, direkt aus der Tarifkonstruktion ableiten – er ist keine Vermutung, sondern eine Eigenschaft des Tarifs selbst.

2. Weniger Patienten, mehr Wartezeit

Was auf den ersten Blick nach einer reinen Vergütungsfrage aussieht, hat direkte Folgen für die Versorgung. Steht pro Arbeitstag eine feste Zeit für Behandlungen zur Verfügung und steigt die durchschnittliche Behandlungsdauer, sinkt zwangsläufig die Zahl möglicher Sitzungen. Bei gleichbleibender Nachfrage kann das zu einer geringeren Zahl behandelter Patientinnen und Patienten, zu längeren Wartezeiten oder zu zusätzlichem Personalbedarf führen. Das Gutachten weist ausdrücklich darauf hin, dass die vorgesehene Kostenneutralität diese Effekte nicht verhindert – sie sichert nur ab, dass die Gesamtkosten in einem definierten Rahmen bleiben, nicht aber, dass Versorgungskapazität und Wartezeiten stabil bleiben.

3. Eine Datenbasis mit erheblichen Lücken

Der methodisch heikelste Teil des Gutachtens betrifft die LeDa-Studie selbst. Polynomics identifiziert mehrere, teils miteinander verknüpfte Schwachstellen:

  • Fragwürdige Praxisgrössen-Verteilung: In der Studie werden von 5’368 Praxen lediglich 126 als „gross“ (vier oder mehr Physiotherapeuten) eingestuft. Ein Abgleich mit dem swissODP-Mitgliederverzeichnis und einem Auszug aus dem GLN-Register zeigt jedoch deutlich mehr grosse Praxisstandorte in der Schweiz. Das nährt den Verdacht, dass grosse Praxen in der Studie systematisch untererfasst wurden.
  • Unklare Gewichtung: Es ist nicht dokumentiert, ob die ausgewiesenen Durchschnittszeiten Praxen oder einzelne Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten repräsentativ abbilden. Ein Unterschied, der entscheidend wird, sollten sich die Behandlungszeiten nach Praxisgrösse tatsächlich unterscheiden – wofür es laut Gutachten Hinweise gibt: Angestellte (die häufiger in grösseren Praxen arbeiten) weisen im Schnitt kürzere Behandlungszeiten aus als Selbstständige.
  • Nicht reproduzierbare Statistik: Polynomics hat einzelne Signifikanztests der LeDa-Studie nachgerechnet und kommt zu einem abweichenden Ergebnis – ein Unterschied, der in der Studie als nicht signifikant ausgewiesen wird, erweist sich in der Nachrechnung als statistisch signifikant. Ohne vollständige Dokumentation der verwendeten Verfahren lässt sich das nicht abschliessend klären.
  • Wenig dokumentierte Datenaufbereitung: Wie mit Ausreissern, fehlenden Werten oder Plausibilitätsprüfungen umgegangen wurde, ist im Bericht kaum nachvollziehbar.

Sollten sich diese Hinweise erhärten – insbesondere, dass grosse Praxen zu wenig berücksichtigt wurden und gleichzeitig kürzere Behandlungszeiten aufweisen –, wären die für die Tarifberechnung verwendeten Durchschnittszeiten systematisch zu hoch. Über die Transcodierung und Normierung würde das paradoxerweise zu tieferen Taxpunkten pro Zeiteinheit führen, als eigentlich nötig wären.

Was das Gutachten explizit nicht sagt

Polynomics liefert keinen Beweis, dass die Tarifstruktur auf fehlerhaften Daten beruht. Das Gutachten spricht wörtlich von einem „begründeten Bedarf zur Klärung einiger zentraler Annahmen der Tarifberechnung“ – nicht von einem nachgewiesenen Fehler. Ein grosser Teil der offenen Fragen liesse sich, so die Autoren, mit wenigen zusätzlichen Auswertungen der bereits vorhandenen LeDa-Daten klären. Genau das ist der Punkt: Diese Klärung hat bislang nicht stattgefunden – der Tarif soll aber trotzdem am 1. Januar 2027 in Kraft treten.

Die Forderung von PROphysio

Ein Tarif, der die wirtschaftliche Existenz von Tausenden Praxen betrifft und die Versorgung von Patientinnen und Patienten in der ganzen Schweiz prägt, darf nicht auf einer derart lückenhaften und ungeklärten Grundlage eingeführt werden. Die von Polynomics aufgezeigten offenen Fragen zur Datenbasis und die nachvollziehbar hergeleiteten Fehlanreize sind kein Detail am Rand, sondern betreffen den Kern der Tarifstruktur.

Wir fordern deshalb vom BAG und Bundesrat den Stopp des Tarifvorschlags – und bieten mit unserem eigenen Tarifmodell einen Gegenvorschlag.

Wer die physiotherapeutische Versorgung in der Schweiz nicht gefährden will, muss diese offenen Fragen zuerst klären. Alles andere geht auf Kosten der Patientinnen und Patienten.