Physiotherapeut und Vorstandsmitglied Alain Amacker erklärt im Interview, wieso die aktuelle Tarifkürzung im Unfallbereich ein Warnsignal für die ganze Branche ist – und weshalb ein cleveres Tarifsystem am Ende auch den Patientinnen und Patienten zugutekommt.
Alain, im Unfallbereich wird der Tarif gekürzt. Was ist passiert?
Im UV/IV/MV-Bereich greift ein Korrekturmechanismus, der die Vergütung automatisch senkt, wenn die Gesamtkosten oder die Fallkosten zu stark steigen. Das ist jetzt passiert, die Vergütung sinkt um 6% ab Oktober.
Wo liegt das Problem? Die Fallkosten betrugen ganze 26% mehr gegenüber der alten Tarifstruktur. Nun gibt es eine Kürzung von 6%. Wir stehen doch trotzdem viel besser da als vor der Umstellung.
Im Gegensatz zum KVG umfassten die Verhandlungen zur Tarifstruktur nach UVG sowohl die Tarifstruktur als auch den Taxpunktwert. Nach fast 30 Jahren konnten sich die Tarifpartner schliesslich auf eine Erhöhung des Taxpunktwertes um 20% einigen, um den seit 1997 bestehenden Stillstand zumindest teilweise auszugleichen. Wir sprechen hier aber von einem Durchschnittswert der Fallkosten. Nicht jeder Fall hat genau 26% mehr als vor der Umstellung gekostet. Wie stark man von der Senkung effektiv betroffen ist, hängt davon ab, wie man arbeitet und folglich abrechnet. Wer pro Fall weniger Zeit aufwendet, landet je nachdem weit unter den angepeilten 20% – weil eben nur die Zeit zählt. Die Unterschiede können gross sein, wenn der Zeitdurchschnitt als Massstab für die ganze Branche gilt. Es stellt sich die Frage, ob so ein Tarif fair ist.
Aber mit einem Zeittarif verdienen am Ende des Tages ja alle gleich viel?
Genau da liegt ein Punkt, der in der Debatte oft zu kurz kommt. Für uns Physios steht die Patientin oder der Patient im Mittelpunkt. Ein reiner Zeittarif belohnt aber in erster Linie den zeitlichen Aufwand einer Behandlung, nicht die Wirkung für die Patientin oder den Patienten. Wenn die Vergütung an die Zeit gekoppelt ist, orientiert sich das System daran.
Was meinst du damit?
Zwei Beispiele dazu: Warum sollte ich gleich viele Patienten pro Tag wie bisher behandeln, wenn eine Patientin weniger pro Tag gleich viel Umsatz bringt? Ich verlängere einfach die Behandlungszeit pro Patient ein wenig. Oder ich habe eine Lücke im Kalender. Warum nicht einfach die Lücke kürzen, indem ich davor länger therapiere? Ein reiner Zeittarif bietet offensichtliche Fehlanreize, die aber den Behandlungserfolg nicht erhöhen.
Also sind Physios Betrüger?
Natürlich nicht. Das sind bekannte Beispiele für Fehlanreize, die ein reiner Zeittarif mit sich bringt und in anderen Branchen beobachtet wurden. Auch wenn sich alle korrekt verhalten – ein Vertrauensverhältnis mit den Krankenkassen und der Politik lässt sich unter dieser Voraussetzung nur schwer aufbauen. Ein Tarif sollte aus unserer Sicht positive Anreize schaffen. Negative Anreize können sogar zulasten der Patientinnen gehen, weil eine Folge davon die Abnahme der Versorgungskapazität wäre. Auch wenn die Gesamtkosten nicht zunehmen, können die Kosten und der Zeitaufwand pro Behandlungsfall steigen. Dies führt zwangsläufig zu einer Reduktion der Versorgungskapazität. Da in der Branche Personalmangel herrscht, können wir nicht einfach mehr Angebot schaffen.
Wir sind den WZW-Kriterien verpflichtet. Diese lassen gar keine Fehlanreize zu.
Es wäre wie gesagt nicht das erste Mal, dass ein reiner Zeittarif eine Mengenausweitung mit sich bringt. Die Physiotherapie ist zudem eine seit 30 Jahren unterbezahlte Branche. Die erstmalige Tarifsenkung und der KVG-Tarif machen die Ausgangslage auch nicht besser. Sinkt die Vergütung, entsteht wirtschaftlicher Druck, die abrechenbare Zeit auszudehnen, um den Ertragsausfall auszugleichen. Steigt dadurch die Behandlungszeit wieder, steigen auch die Fallkosten …
… und eine weitere Tarifsenkung kommt?
Genau das ist unsere grosse Sorge – es ist ein Teufelskreis. Die nächsten Monate werden zeigen, wie sich die Situation entwickelt. Das Beunruhigende ist: Im KVG-Bereich ist ab 2027 ein sehr ähnliches Modell vorgesehen, ebenfalls mit einem gesetzlich vorgeschriebenen Korrekturmechanismus. Und dort stehen wir per 1.1.2027 bereits schlechter da als heute.
Mit einem Zeittarif können wir individuell auf die Bedürfnisse der Patienten eingehen. Das ist doch gut?
Ja, eine flexible Behandlungsdauer ist ein wichtiger Teil des Behandlungserfolgs. Aber eben nicht der einzige, wie der Zeittarif das suggeriert. Es braucht ein Tarifsystem, das positive Anreize schafft und den Behandlungserfolg in den Mittelpunkt stellt und so dafür sorgt, dass keine Kapazitätsengpässe entstehen.
Die Lösung ist somit ein 20-Minuten-Tarif, um möglichst viele Patienten durchzuschleusen?
Nein, das ist natürlich auch keine Lösung. Uns ist wichtig, dass möglichst viele Patientinnen und Patienten die optimale Behandlung erhalten – und das gelingt besser mit einem Tarif, der auch Wirksamkeit belohnt, als mit einem, der nur die Zeit belohnt. Genau darum setzen wir uns für ein Tarifsystem ein, das Qualität fördert und zeitliche Flexibilität ermöglicht. Also ein Tarif, der den Behandlungserfolg direkt belohnt und Spielraum für eine individuelle Behandlungsdauer lässt. Das würde auch viel besser zur modernen, evidenzbasierten Physiotherapie passen, wie sie heute an den Fachhochschulen gelehrt wird.






